Weitere Titel der Serie


Originaltitel


Gilde der Jäger - Engelszorn
von Nalini Singh

erscheint auf Deutsch im August 2010 im Egmont Lyx Verlag
400 Seiten, Taschenbuchformat

Preis: EUR 9,95

ISBN-10: 3802582756
ISBN-13: 978-3802582752
Übersetzt von Petra Knese
Leseprobe

Elena klammerte sich an die Balkonbrüstung und starrte in die zerklüftete Schlucht. Die Felsen sahen aus wie spitze Zähne, allzeit bereit zum Beißen, Reißen, Schlitzen. Ein eisiger Wind kam auf und drohte sie in den unbarmherzigen Schlund zu stürzen, sie griff fester zu. »Noch vor einem Jahr«, flüsterte sie, »habe ich nichts von dieser Zufluchtsstätte gewusst, und jetzt stehe ich hier.« Vor ihr lag eine riesige Stadt aus Glas und Marmor, im gleißenden Sonnenlicht traten ihre eleganten Formen deutlich hervor. Bäume mit dunklen Blättern bildeten wohltuende grüne Flecken zu beiden Seiten der Schlucht, die eine gewaltige Kluft durch die Stadt trieb, und der Horizont wurde von schneebedeckten Bergkuppen beherrscht. Nichts, weder Straßen noch Hochhäuser, trübten diesen vollkommenen Anblick. Doch trotz all seiner Schönheit hatte dieser Ort etwas Fremdartiges, man bekam das unbestimmte Gefühl, dass unter der glänzenden Oberfläche die Dunkelheit lauerte. Tief sog Elena die schneidend kühle Luft der Berge ein und sah hinauf … zu den Engeln. So viele Engel. Ihre Flügel bedeckten den Himmel der Stadt, einer Stadt, die aus bloßem Fels gewachsen zu sein schien. Sterbliche, die beim Anblick himmlischer Flügel buchstäblich erstarrten, würden an einem Ort wie diesem, an dem es von den angebeteten Wesen nur so wimmelte, feuchte Augen bekommen. Doch Elena hatte einen Erzengel lachen sehen, während er einem Vampir die Augen aus dem Schädel riss, vorgab, sie essen zu wollen, und die glibberige Masse dann schließlich zerquetschte. So, dachte sie mit Schaudern, hatte sie sich den Himmel nicht vorgestellt. Flügelrauschen, der sanfte Druck kraftvoller Hände auf ihren Hüften. »Überanstreng dich nicht, Elena. Komm rein.« Sie rührte sich nicht, obwohl sie ihn stark und gefährlich an ihren Flügeln spürte und vor Lust erzitterte. »Glaubst du etwa, du könntest mir jetzt Befehle erteilen?« Der Erzengel von New York, ein todbringendes Wesen, vor dem Elena selbst jetzt manchmal noch Angst hatte, schob ihr das Haar aus dem Nacken und drückte seine Lippen auf ihren Hals. »Selbstverständlich. Du gehörst mir.« Nicht die geringste Spur von Ironie, reine Besitzgier. »Ich glaube, die Sache mit der wahren Liebe hast du noch nicht so richtig verstanden.« Ambrosia hatte er ihr eingeflößt, aus einer Sterblichen eine Unsterbliche gemacht, ihr Flügel verliehen – Flügel! – und alles aus Liebe. Zu ihr, einer Jägerin, einer Sterblichen … einer ehemals Sterblichen. »Wie dem auch sei, du musst jedenfalls wieder zurück ins Bett.« Und dann lag sie auf einmal in seinen Armen, auch wenn sie sich gar nicht erinnern konnte, die Brüstung losgelassen zu haben – aber das hatte sie wohl, denn das gestaute Blut floss wieder in ihre Hände, ihre Haut spannte. Es tat weh. Sie verbiss sich den Schmerz, während Raphael sie durch die Schiebetüren in einen prächtigen gläsernen Raum trug, der auf einer Festung aus Marmor und Quarz thronte, ebenso dauerhaft und unerschütterlich wie die Berge ringsum. Wut schoss in ihr hoch. »Verschwinde aus meinem Kopf, Raphael!« Warum?


  Schund     mehr        geht so
                   schlecht
                   als recht
VampirescifiEngel
Urban Fantasy - Erotic Fantasy
Nach einem Jahr im Koma ist die Vampirjägerin Elena Deveraux nun endlich erwacht - als neugeborener Engel. Der mächtige Erzengel Raphael hat ihr ein neues Leben als Engel an seiner Seite geschenkt. Doch obwohl sie sich gleich in neue Erfahrungen stürzen will, muss sie sich noch schonen, sowohl für stürmische Zärtlichkeiten von Raphael als auch für die ersten Flugversuche ist sie noch zu schwach. Als Raphael und Elena eine Einladung von dem uralten Erzengel Lijuan zu einem Ball in China erhalten ist klar, dass Elena bis dahin bei Kräften sein muss. Jeder weiß, dass Raphaels neue "Trophäe" gefährlich lebt, noch nie zuvor gab es einen erschaffenen Engel. Elena hat genauso viele Neider wie Feinde, selbst unter ihren angeblichen Beschützern und hat alle Hände voll zu tun sich in ihrem schwachen Zustand zu wehren. Dann erfährt sie von einer grausamen Mordserie unter der Engelsbevölkerung der geheimen Zuflucht. Jemand sehr einflussreiches und mächtiges hat anscheinend vor, Zwietracht unter den Engeln zu sähen und schreckt auch nicht davor zurück, Kinder zu misshandeln und zu entführen. Elena und Raphael sind entsetzt und machen sich auf die Suche nach dem Täter.

Der erste Teil der neuen Serie von Nalini Singh hat mich wirklich begeistert und natürlich konnte ich kaum das Erscheinen des Folgebandes erwarten. Leider kann dieser weder inhaltlich, noch dramaturgisch noch (leider, leider) in erotischer Hinsicht an den ersten Band heranreichen.
Wir treffen wieder auf Elena, die nach einem Jahr Koma langsam ihre Kräfte wiedererlangt. Raphael ist immer noch der selbstgerechte, außerirdisch attraktive und dominante Partner, der genau weiß, dass Elena seine Achillesferse ist, ihr aber nicht widerstehen kann. Elenas Gefühle ihm gegenüber schwanken zwischen Ehrfurcht, Verlangen, Liebe und auch sehr oft Angst. Natürlich ist es verständlich, dass sie so einem mächtigen Wesen gegenüber Furcht empfindet, doch ihr selbst hat Raphael doch noch nie etwas getan. Elenas Gefühlswelt unterliegt starken Schwankungen und genauso, wie ihre Beziehung zu Raphael ständig auf dem emotionalen Prüfstand ist, wird sie ständig Opfer ihrer grauenhaften Kindheitserinnerungen. Durch nahtlos einfließende Rückblicke schafft Nalini Singh eine permanente Bedrohung, legt ihrer Hauptfigur schwere Bürden auf und hetzt sie durch blutige Bewältigung einer traumatisierten Kindheit. All dies liegt im gewohnt ausführlichen, Metapher-reichen und teils leicht schwülstigen Schreibstil der Autorin vor und sie scheut auch nicht vor Wiederholungen zurück. So gern ich diesen blumigen Stil mag, bei Engelszorn hat mich diese Überemotionalisierung und diese glatte Art irgendwann gestört. Es gibt keine Grauschattierungen in dieser Welt von Extremen, leider jedoch verpufft dieser Aufwand hier an einer gewöhnlichen, unspektakulären Handlung mit einigen zähen Längen.
Sowohl die Aufregung über Lijuans Ball als auch die Suche nach dem Mörder in der Engelsbevölkerung sind künstlich aufgebauscht und im Grunde uninteressant. Letzteres entpuppt sich als ein verwirrendes Komplott innerhalt der Hierarchie der Engel und seitenweise bekommt der Leser Namen, Abrisse von Lebensgeschichten, vermutliche Motive und - Langeweile.
Neben all dem herrscht natürlich auch nach wie vor die erotische Spannung zwischen Raphael und Elena - nach einem Jahr Abstinenz brennt die Leidenschaft förmlich. Wenn sie sich nur kurz berühren, scheint es Funken zu sprühen und auch wenn sich Elena nach ihrem Erzengel sehnt, übt sich dieser in Zurückhaltung um sie in wegen ihrer körperlichen Schwäche nicht zu verletzen? Aber was gibt es da zu verletzen? Der künstliche Aufschub der Sexszene ist angesichts der kurz dargestellen, unspektakulären Auflösung als sinnlos entlarvt und leider hat Nalini Singh sich wohl vorher schon in erotischen Dingen verausgabt, denn als es endlich zum Akt zwischen Elena und Raphael kommt, hat sie nicht viele Worte übrig.
Genauso lieblos und schnell wird dann auch der lang ersehnte, ewig diskutierte Ball bei Lijuan abgehandelt und die große Bedrohung durch die Herrin der lebenden Toten wird in wenigen Seiten aufgelöst. Auch wenn ich ein glühender Fan von Nalini Singh bin (ihre Gestaltwandlerserie ist einmalig), kam es mir hier ein wenig so vor, als hätte sie "auf Sparflamme" gearbeitet, sich im Erfolg des ersten Teils gesonnt und die Handlung vor sich hinplätschern lassen. Schade.
Fazit
Etwas schwächerer, zweiter Teil mit einigen Längen.

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