Der Terminkalender der Schönheitschirurgin
Alexandra Keller ist voll: sie kümmert sich unentgeltlich um
besonders schwere Fälle und kann sich durch ihren guten Ruf
und
ihr Talent nicht über zu wenige Aufträge beschweren.
Die
seltsamen Gesuche eines mysteriösen M. Cyprien aus New
Orleans,
der ihr viel Geld für eine Operation bietet, wenn sie zu ihm
kommt, ignoriert Alex geflissentlich. Die Beziehung zu ihrem Bruder
John, der das Priesteramt bekleidet, ist ziemlich unterkühlt,
Alexandra kann ihm nicht verzeihen, dass er sie nach dem Tode ihrer
Eltern allein gelassen hat. Eines Tages dann wird Alex
überfallen
und entführt und findet sich in New Orleans im Haus von
Michael
Cyprien wieder. Natürlich kocht sie vor Wut und denkt nicht
daran,
auf dessen Forderungen einzugehen. Doch als sie sein komplett
entstelltes Gesicht sieht, ist die ehrgeizige Ärztin in ihr
geweckt. Es kommt ihr schon seltsam vor, dass Cyprien ein
übernatürlich schnelles Heilungsvermögen hat
und auch
keine Narkose möchte, trotzdem willigt sie ein, ihn -
für 4
Mio Dollar - zu operieren. Doch dann überschlagen sich die
Ereignisse und Alex wird mit dem wahren Michael Cyprien konfrontiert,
der zu den Darkyn gehört, einer unsterblichen Rasse von
blutsaugenden Vampiren.
Genauso
schwer, wie
eine Inhaltsangabe für dieses Buch zu verfassen ohne zu viel
zu
verraten, ist es eine Rezension darüber zu schreiben.
Versuchung
des Zwielichts ist ein überraschendes,
außergewöhnliches Buch, das kaum einem bekannten
Muster
folgt. Lynn Viehl hat einen abwechslungsreichen, teilweise aber auch
unausgewogenen Stil. Im Prinzip teilt sich das Buch in drei Szenarien
auf: die Beziehung zwischen Michael and Alexandra, die Geschichte um
John Keller und die Hintergrundinformationen über
Pläne und
Handlungen des Darkyn Herrschers Tremayne. Durch häufige
Szenenwechsel entsteht Spannung, aber auch eine gewisse Unruhe.
Ähnlich verhält es sich mit den Personen, die von
Lynn Viehls
scheinbarem Hang zum Drastischen, Exaltierten geprägt sind.
Alexandra ist eine toughe, selbstbewusste Frau, die voll in ihrem Beruf
aufgeht. Dass sie medizinisches Fachvokabular beherrscht, davon kann
sich der Leser unzählige Male überzeugen, das
Repertoire der
Autorin hier ist wirklich beachtlich. Trotz ihrer beruflichen
Gradlinigkeit und dem Ehrgeiz ist sie privat meiner Meinung nach eher
labil, unentschlossen und emotional schlecht belastbar. Ihre
Schwächen verbirgt sie hinter einem zynischen, teils sehr
saloppen
Umgangston, der im krassen Gegensatz zu der altmodischen Sprechweise
der Darkyn steht, die häufig ins Französische
wechselt. Mit
seinen 700 Jahren ist Cyprien ein abgeklärter, dominanter
Mann,
der wohl schon alles gesehen hat. Trotzdem schafft es Alex mit ihrer
wirren Art, ihn zu reizen und aus der Reserve zu locken. Die beiden
bilden ein interessantes, explosives Paar voller Gegensätze,
das
sich von den meisten anderen Romantic Fantasy Pärchen dadurch
abgrenzt, dass es zwischen den beiden so gut wie keine Romantik gibt.
Ihr Umgang miteinander schwankt zwischen wütender Ignoranz,
neutralem Arzt-Patientenverhältnis und sexueller Anziehung.
Alex
macht es Cyprien alles andere als leicht und leider bekommt man als
Leser wenige Details über die Annäherung zu Cyprien,
da es
dafür eigentlich zu wenig Platz gibt. John Kellers Geschichte
nimmt daneben fast genauso viele Seiten ein und immer wieder gelangen
Alex und Cyprien an einen Punkt, wo sie erneut alles von ihm abblockt.
Insgesamt war ich von der freizügigen Darstellung von Gewalt,
Folter - auch sexuell - und dem unglaublichen Leiden
unzähliger
Personen teilweise fasziniert, teilweise angewidert. Es gibt
anscheinend keinen Darkyn, der nicht ein unfassbares Martyrium hinter
sich hat. Hier wird das Image des "tortured Hero" wirklich bis zum
letzten ausgereizt, da sind die Herren der Unterwelt nichts dagegen.
Ein leichter Hang zum Schema "Die Schöne und das Biest" ist
hier
nicht von der Hand zu weisen, trifft aber genau meinen Geschmack.
Obwohl die Story im modernen Chicago spielt, mutet alles ein wenig
märchenhaft an und wirkt stellenweise abgehoben und fremdartig
ohne jedoch uninteressant zu werden. Wer an extremen Charakteren, dem
historisch-kirchlichen Konflikt zwischen Religion und
Dämonischem
und expliziter, härterer Erotik Gefallen findet, sollte auf
jeden
Fall einen Blick auf die Darkyn werfen. Die Vielzahl an Nebenpersonen,
die ein ähnlich krasses Schicksal wie M. Cyprien erleiden
mussten,
bietet jedenfalls genug Potential für weitere,
ungewöhnliche
Romane.
Fazit
Ein mitreißender Mix aus Vampirerotik, historischem Thriller
und moderner Fantasy.
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