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Originaltitel


Wolfslied
von Alisa Sheckley

erscheint auf Deutsch im Juni 2010 im Heyne Verlag
450 Seiten,Taschenbuchformat

Preis: EUR 8,95

ISBN-13: 9783453526693
ISBN-10: 3453526694
übersetzt von Franziska Heel

Leseprobe

Manhattan nicht der Nabel der Welt. Es fühlt sich nur so an, wenn man dort lebt. Doch außerhalb der erstaunlichen Anziehungskraft dieser kleinen Insel existieren tatsächlich auch noch andere Welten. Ich habe das letzte Jahr in einer winzigen Stadt namens Northside verbracht, die nur zwei Stunden von New York entfernt liegt, sich aber in einem anderen Universum zu befinden scheint. Der Winter setzt hier bereits wesentlich früher ein und treibt einen teilweise an den Rand des Wahnsinns - und der Mond hat an diesem Ort eine deutlich stärkere Wirkung. Die Bedienung in einem Lokal weiß meist nicht nur bereits im Voraus, was man bestellen wird, sondern auch, wie viel Geld man auf dem Konto hat, wie weit die Scheidungsformalitäten vorange- schritten sind und wie es einem gesundheitlich so geht - bis zum Namen der Salbe, die man sich vor ein paar Tagen in der Apotheke auf Rezept holen musste.
Andererseits gibt es hier auch Geheimnisse, die sich in der Landschaft aus Wald und Bergen und durch die großen Entfernungen länger geheim halten lassen. Eine Großstadt wie New York bietet zwar eine Art intimer Anonymität, doch auf dem Land findet man eine andere Freiheit.
Zum Beispiel: splitterfasernackt durch den Wald zu rennen - was ich etwa drei Tage im Monat tue, wenn der Mond am vollsten ist. Lykanthropie zwingt einen ebenso wie die eigenen Kinder dazu, die Vor- und Nachteile eines Lebens in der Großstadt neu zu bewerten. Natürlich spreche ich jetzt nicht aus eigener Erfahrung - ich habe keine Kinder. Aber auch wenn ich gern zugebe, dass ich auf dem Land inzwischen besser aufgehoben bin, bedeutete es zuerst doch eine gewaltige Umstellung für mich. Bevor ich hier hergezogen bin, um meine zum Scheitern verurteilte Ehe vielleicht doch noch zu retten, hatte ich eine Stelle als Veterinärhospitantin im tiermedizi- nischen Institut an der Upper East Side. Obwohl die Ausbildung, die ich dort genossen habe, zu den besten des ganzen Kontinents gehört, sah ich mich auf dem Land auf einmal gezwungen, einige Teile des Erlernten so schnell wie möglich wieder zu vergessen.
In New York legen sich die Leute keine Haustiere zu - eher adoptieren sie Ersatzkinder, die sie dann in riesigen Handtaschen mit sich herumtragen können. Oder sie betrachten die Tiere als Seelenverwandte, die den ganzen Tag über allein zu Hause auf ihre Rückkehr warten und dann jedes Mal fast durchdrehen, wenn Herrchen oder Frauchen endlich wieder zu Hause sind. Wenn Basil, der Basset, an Krebs erkrankt, zuckt sein Besitzer nicht einmal mit der Wimper, weil er Tausende von Dollar für die medizinische Behandlung, für Kranken- gymnastik oder eine speziell angefer- tigte Prothese hinblättern muss.
Auf dem Land ist das etwas ganz anderes. Die Hunde von Northside werden als Tiere betrachtet, die einen Großteil des Tages unbeaufsichtigt im Freien verbringen und Abenteuer erleben, von denen ihre Besitzer keine Ahnung haben. Natürlich gibt es auch hier Ausnahmen, aber insgesamt lässt sich sagen, dass die Leute auf dem Land ihre Tiere zwar lieben, sie aber nicht wie Menschen behandeln, die zufällig eine Ganzkörperbehaarung haben. 

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Werwolf
Urban Fantasy 
Solangsam hat sich Abra sowohl an das Leben als Werwolf in der kleinen Stadt Northside als auch an ihre Beziehung mit dem Kojotengestaltwandler Red gewöhnt. Ihre kleine Tierarztpraxis läuft recht erfolgreich, nur einmal im Monat, wenn der Mond voll wird, muss sie seinem Ruf folgen. So ganz zufrieden ist Abra jedoch nicht, irgendwie breitet sich in ihr eine seltsame Rastlosigkeit aus. Ist Red der Richtige für Sie? Kann sie jemals Kinder bekommen und wenn ja, kann sie sich das mit Red vorstellen? Bald findet Abra heraus, dass sie läufig ist, die wölfische Seite von ihr ist mehr als paarungsbereit. Abra entwickelt in diesem Zustand immer mehr eine animalische Anziehungskraft auf Männer und gerät selbst öfters in eine Art Liebestaumel. Es scheint, als hätte Red gewusst, was mit ihr passiert und Abra nimmt es ihm übel, dass er sie so im Unsicheren lässt. Dann hat Abra eines Tages einen Autounfall mit einem Bären, der sich vor ihren Augen in einen Mann verwandelt. Durch Baumaßnahmen der Menschen in Northside wurden einige Häuser auf dem Grenzterritorium zwischen dieser und der Welt der Ahnen und Geister gebaut. Alte Kreaturen wie der Manitu, auf den Abra trifft, kommen in die Menschenwelt, weil sie gestört wurden. Abra gerät mitten zwischen die Fronten und in die Reichweite des Zorns des Manitu.

Wie auch schon der Vorgänger ist Wolfslied ein absoluter Geheimtip. Die Autorin entwickelt hier die Geschichte der mit Lycanthropie infizierten Abra Cadabra weiter und knüpft direkt an die Geschehnisse aus dem ersten Teil an. Einige Rückblicke machen die Story aber auch ohne das Vorwissen verständlich. Wieder einmal war ich begeistert von dem amüsanten, pointenreichen und nie langweiligen Schreibstil, der mit einer Leichtigkeit durch die Geschichte führt, die ich selten gelesen habe. Anfangs mag man denken: ok, jetzt hat ist Abra ein Werwolf, hat in Red ihren Partner gefunden und ihre Krise überwunden, was soll da noch kommen? Bald jedoch ist man mitten in einer spannenden und mitreißenden Handlung, in der Abra ganz neue Seiten an sich entdeckt. Die Lycanthropie ist immer noch ein wissenschaftliches, nicht weit erforschtes Phänomen und Abra ist sozusagen auch für ihre eigenen Forschungen das Versuchskaninchen. Es ist toll beschrieben, wie sie die neuen, fremdartigen Reaktionen ihres Körpers und ihres Denkens erlebt und was das für gesellschaftliche und emotionale Auswirkungen hat. Die Szene, in der die läufige Abra in einem Klamottenladen die Männer um sich schart ist einfach nur köstlich.
Aber es sind nicht nur komische Szenen, die das Buch auszeichnen, die Autorin hat genauso Talent dafür, ernsthafte Situationen umzusetzten und Emotionen zu transportieren. Abras innerer Konflikt und die Zweifel an der Beziehung zu Red sind alle begründet und realistisch. Zu keiner Zeit rutschen weder die romantischen noch die erotischen Szenen in den Bereich Kitsch ab. Es ist wunderbar gelungen, eine lebensnahe und sympathische Atmosphäre zu schaffen, ohne distanziert zu wirken oder auf beliebte Rollenklischees zurückzugreifen. Die Beziehung zwischen Red und Abra ist etwas ganz besonderes, und der bemerkenswerten Fantasie und Ausdruckskraft der Autorin entspringen viele tolle, originelle Details und einzigartige Szenen, in denen man mit Abra regelrecht mitfühlen kann.
Es gibt auch ein Wiedersehen mit ihrem Exmann Hunter und das Problem mit den Kreaturen aus der Nebenwelt wird auch zu einem spannenden Abenteuer. Im Fokus steht jedoch die zum Greifen nahe Hauptfigur Abra und ihr ganz persönlicher Umgang mit dem Lykanthropie-Virus. Denn Werwolf sein bedeutet nicht nur, sich einmal im Monat zu verwandeln und in den Wald zu rennen, hier werden viele Details herausgearbeitet, wie z. B. Abras Läufigkeit oder der Umstand, wie sie schwanger werden kann etc.
Insgesamt ist Wolfslied ein tolles Lesevergnügen, bei dem für jeden etwas dabei ist: Anspruch, Erotik, Action, Spannung, Erotik und Humor. Und dabei herrlich individuell und auf dem Boden geblieben. Ich bin ein Fan der Autorin und würde mich freuen, wenn die Geschichte um Abra weitergeht, momentan ist wohl noch keine Fortsetzung geplant.

Fazit
Eine Empfehlung für alle Urban Fantasy Fans.










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